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 OT: Bébé(s) (2010) (Babies) Dokumentarfilm Frankreich 2010 Regie: Thomas Balmes Buch: --- Darsteller: ... mehr...
Kinostart: 19.08.2010
Eine filmische Reise die ebenso universell wie originell ist: Von den Weiten der Mongolei über Namibia und San Francisco bis hin ins lärmende Tokio spannt der französische Regisseur Thomas Balmès, selbst Vater von drei Kindern, in BABYS den Bogen seiner poetischen Beobachtungen. Mit verblüffend intimen, aber nie voyeuristischen Bildern dokumentiert er, wie sich vier kleine Persönlichkeiten vom Säugling zum Kleinkind entwickeln. Dabei fängt er die rührendsten, lustigsten und unbeschwertesten Momentaufnahmen auf dem Weg ins Leben ein und ihm gelingt ein zärtliches Abenteuer, das die Magie und die Wunder des Alltags mit Leichtigkeit einfängt.
Offizielle Website/Trailer
 Ponijao mit seiner Mutter Tarererua (Opuwo, Namibia) © 2010 Kinowelt Filmverleih | Inhalt Sie heißen Ponijao, Bayar, Mari und Hattie. Geboren in Namibia, in der Mongolei, in Japan und in den USA. Einfühlsam begleitet die Kamera die neuen Erdbewohner vom ersten Atemzug bis zu den ersten Schritten auf wackeligen Beinen. Zwei von ihnen leben fernab der Zivilisation, die beiden anderen mitten in der Großstadt. Sie sind Einzelkind oder Teil einer Großfamilie. Doch so unterschiedlich ihre Herkunft ist, so verschieden die Kulturen sind, in denen sie aufwachsen – wenn Babys brabbeln, glucksen und lachen, klingt es überall auf der Welt gleich. In zeitlicher Abfolge dokumentiert der Film die Entwicklung der Kinder und macht in wunderbar authentischen Bildern deutlich, dass es keine Rolle spielt, ob sie in einer Jurte oder in einem Hochhaus-Apartment ihre Umgebung entdecken, lachen und weinen, Vertrauen und Ängste entwickeln, Geborgenheit suchen und Liebe finden. Denn im Laufe eines Jahres mausern sich alle vier Babys vom hilflosen Säugling zum selbstbewussten kleinen Individuum.
Interview mit Thomas Balmès
Buch und Regie
Wie und wann entstand die Idee zu BABYS?
2005 erhielt ich einen Anruf von Alain Chabat. Der trug sich seit ungefähr zehn Jahren mit dem
Gedanken, einen Film über Babys zu drehen. Nun suchte er nach einem Regisseur, der seine Idee
umsetzt. Ursprünglich wollte er einen sehr musikalischen Film machen, eine Art 90-minütigen
Videoclip, illustriert mit Aufnahmen von Babys im Alter von ein bis drei Jahren. Chabat und ich kannten
uns nicht, aber er hatte einige meiner Dokumentationen gesehen und war der Meinung, dass mir dieses
sehr spezielle Projekt liegen könnte. Die Grundidee gefiel mir auf Anhieb sehr gut, und nach zahlreichen
Diskussionen wurden wir uns über die grobe Richtung einig – nämlich einen beinahe experimentellen
Dokumentarfilm ohne wirkliche Handlung zu drehen, in dem die Form fast schon wichtiger ist als der
Inhalt.
Welche Etappen gab es auf dem Weg von der Idee bis zur Realisierung zu bewältigen?
Wir hatten im Vorfeld ein paar Richtlinien festgelegt – etwa, dass wir lange Einstellungen und ein
beschauliches Tempo favorisieren wollten. Dass jede Sequenz für sich selbst sprechen sollte. Dass wir
uns die Zeit und Muße nehmen würden, um unsere Babys immer dann dabei zu „erwischen“, wenn sie
etwas zum ersten Mal in ihrem Leben taten. Das lässt sich im Vorfeld natürlich nicht in einem Drehbuch
festschreiben. Zeit würde deshalb unser einziger Luxus sein. Wir wollten kein großes Team, keine
Helikopter für Flugaufnahmen, keine gewaltige Infrastruktur, wie sie bei Dokumentarfilmen fürs Kino
immer mehr zur Norm wird. Wir würden still und leise beobachten und darauf vertrauen, dass die
Realität stark genug ist, um unser Projekt zu tragen. Das Material, das wir aufnehmen würden, würde
also auch die spätere Form des Films bedingen.
War es schwierig, geeignete Eltern zu finden?
 Bayar mit seiner Mutter Mandakh (Bayandchadmani, Mongolei) © 2010 Kinowelt Filmverleih | Im Dezember 2005 unterschrieben wir die Verträge, und knapp ein halbes Jahr später drehten wir
bereits. Die Vorbereitungen gingen also relativ zügig und problemlos vonstatten. Wir hatten Partner vor
Ort, die uns bei den Castings rund um den Globus halfen. Diese fanden auch in Ländern wie der
Schweiz, Indien und Kenia statt. In Südamerika wurde ebenfalls gesucht. Es ging uns aber nicht darum,
die Erde vollständig abzudecken, nach dem Motto: fünf Kontinente, fünf Babys. Wir wollten Familien
mit unterschiedlichen Lebensweisen und Erziehungsmethoden. Wobei sie nicht zwingend repräsentativ
sein sollten für die Länder, aus denen sie stammen. Die amerikanischen Eltern etwa arbeiten als
College-Professorin und Kameramann. Hätte ich eine US-Familie aus dem mittleren Westen genommen,
die zunächst „typischer“ erscheint, weil sie den ganzen Tag Fernsehen guckt und Hamburger isst, wäre
es schnell zur Karikatur und zum Klischee verkommen. Nach und nach kristallisierte sich also heraus,
dass wir uns für Familien aus den USA, Namibia, Japan und der Mongolei entscheiden würden. Von
diesen vier Ländern kannte ich drei bereits näher und wusste, dass es dort interessante Dinge zu filmen
gibt.
Warum ist kein europäisches Baby mit dabei?
Meine Frau war schwanger, als ich den Film vorbereitete. Theoretisch hätte ich also mein eigenes Baby
filmen können. Aber für uns stand fest, dass wir uns das auf keinen Fall zumuten wollten. Im Übrigen
war es leichter, bereitwillige Paare am Ende der Welt zu finden als im westlichen Kulturkreis.
Überzeugen Sie Japaner oder US-Amerikaner mal davon, sich ein Jahr lang ein Kamerateam ins Haus zu
holen, das morgens, mittags und abends dreht! Ich wollte ja keine dieser Reality-TV-Familien, denen es
ausschließlich um ihre 15 Minuten Ruhm geht. Es sollten Menschen sein, die ein echtes Interesse an
dem Projekt hatten.
Wie lange dauerten die Dreharbeiten?
Von der ersten bis zur letzten Klappe circa zwei Jahre. Meine Frau hat ausgerechnet, dass ich an
ungefähr 500 Tagen selbst vor Ort war. Als unsere Babys ihre ersten Schritte machten, waren sie
zwischen 12 und 18 Monate alt. Wir hatten unsere Familien so ausgesucht, dass die Geburten in
gewissen Abständen passierten, und so entwickelten sich die Kinder zum Glück nicht parallel, sondern
quasi hintereinander.
Die Babys scheinen die Präsenz von Fremden und der Kamera nicht zu bemerken. Wie haben Sie
gearbeitet: mit kleinen Digitalkameras, mit versteckter Kamera?  Mari und ihre Mutter Seiko (Tokio, Japan) © 2010 Kinowelt Filmverleih |
Wir hatten zwei verschiedene Kameras. Eine kleinere und eine richtig große Kamera, wie sie bei
klassischen Filmaufnahmen verwendet wird, inklusive unterschiedlicher Objektive, Sonnenreflektor usw.
Egal ob Baby oder Erwachsener – irgendwann nimmt niemand mehr die Kamera wahr. Außerdem haben
Babys keine Vorstellung von ihrem eigenen Bild, deshalb interessiert es sie nicht, wenn gefilmt wird.
Dass ein Baby in die Kamera guckte und die Aufnahme nicht zu benutzen war, kam höchst selten vor.
Die Kinder sind ja praktisch mit der Kamera auf die Welt gekommen! Wir haben sie also auch nie
versteckt. Wir haben auch nichts inszeniert oder provoziert. Das würde mit Babys ohnehin nicht
funktionieren. Nehmen wir nur die Sequenz mit der Ziege, die das Badewasser des kleinen
Mongolenjungen trinkt – das war reiner Zufall. Für mich ist sie am repräsentativsten für das, was ich mit
dem Film erreichen wollte. So etwas Schönes kann man nicht herbeischreiben. Natürlich filmten wir
nicht von Morgens bis Abends, aber im Lauf der Zeit entwickelt man eine Art Instinkt für die Momente,
in denen etwas passieren könnte. Andererseits gab es auch hübsche Dinge, die uns durch die Lappen
gingen, weil die Kamera gerade nicht lief.
Traten bei den Dreharbeiten besondere, vielleicht sogar unerwartete Schwierigkeiten auf?
Eigentlich nicht. Wenn ich nicht selbst vor Ort sein konnte, übernahm ein lokaler Kameramann meinen
Job. Auch deshalb, um die Familien an die permanente Präsenz von Fremden zu gewöhnen und zu
erreichen, dass der Alltag mit einem Kameramann für sie zur Normalität wird. Etwa alle zwei Wochen
reiste ich von einem Land zum anderen. In Namibia drehte ich alle Aufnahmen selbst - das
funktionierte sehr gut. In den USA filmte der Vater des Babys, der von Beruf Kameramann ist, ein paar
Mal selbst. Alles in allem stammen drei Viertel der Bilder von mir. Meistens war ich mit einem
Toningenieur vor Ort. Erst als die Kinder zu krabbeln anfingen, arbeitete ich zusätzlich mit einem
Kameraassistenten, der u.a. die Schärfe regelte. Wenn Babys sich bewegen und aktiv werden, sind sie
nämlich plötzlich überall.
Fiel es Ihnen leichter, an exotischen Orten wie der Mongolei und Namibia interessante Bilder
einzufangen?
Klar, dort hat man deutlich mehr Möglichkeiten, schöne Aufnahmen zu machen. Der Kontrast zwischen
einer 30-Quadratmeter-Wohnung in Tokio und dem Leben in einer mongolischen Jurte, um die herum
Kühe grasen, spricht für sich. Aber wir haben an allen Orten tolle Sachen gedreht, was man schon daran
erkennt, dass wir die vier Babys im Film zeitlich etwa gleich gewichtet haben.
Welches Baby fanden Sie persönlich am interessantesten, und welche Kindheit erscheint Ihnen
besonders beneidenswert?  Hattie mit ihrem Vater Frazer (San Francisco, USA) © 2010 Kinowelt Filmverleih |
Das ist schwer zu sagen. Allerdings habe ich diese Harmonie, wie sie zwischen Natur, Eltern und
Kindern in der Mongolei besteht, anderswo selten erlebt. Allenfalls in Namibia. Übrigens habe ich in
diesen beiden Ländern die Babys während der gesamten Drehzeit nicht ein einziges Mal weinen sehen.
Ich bin der Meinung, dass man Kinder auch mal allein und sich selbst überlassen sollte. In dieser
Hinsicht müssen Eltern aus dem westlichen Kulturkreis deutlich mehr Vertrauen und Lockerheit
entwickeln. Während der Dreharbeiten machten die Kinder aus der Mongolei und Namibia auf mich den
fröhlichsten und glücklichsten Eindruck. Wobei ich inzwischen die Babys wiedergesehen habe, die jetzt drei bis vier Jahre alt sind, und es geht ihnen allen wunderbar. Ob Tokio freilich der beste Ort ist, um
Kind zu sein, darüber lässt sich gewiss streiten.
Können (werdende) Eltern in BABYS etwas lernen?
Ich glaube nicht, dass sich die Art der freiheitlichen Erziehung, wie sie ein Baby in der Mongolei
genießt, ohne weiteres auf einen Säugling in einer kleinen japanischen Wohnung übertragen lässt.
Jedenfalls nicht von einem Tag auf den anderen. Ich möchte mir auch lieber nicht vorstellen, dass –
inspiriert vom Film – europäische Kinder plötzlich inmitten von Kuhherden losgelassen werden (lacht).
Ich würde mir wünschen, dass der Film Eltern anregt, über gewisse Standpunkte und Dogmen
nachzudenken. Dass er Lust auf andere Kulturen macht. Dass er verdeutlicht, dass es nicht nur eine Art
gibt, ein Kind großzuziehen. Aber der Film will und soll kein Handbuch sein für den Umgang mit
Kindern.
Sie sind selbst Vater von drei Kindern. Haben die Erfahrungen beim Dreh von BABYS Sie in irgendeiner
Form beeinflusst?
Eigentlich nicht. Unser drittes Kind bekam womöglich etwas weniger Aufmerksamkeit als die beiden
älteren, vergleichbar mit den Kindern in Namibia und der Mongolei. Aber das lag vermutlich eher daran,
dass Eltern beim dritten Kind einfach entspannter und weniger ängstlich sind und dem Baby mehr
Autonomie gönnen.
Ein Wort zur Musik: Warum Bruno Coulais... und welche Vorgaben gaben Sie ihm mit auf den Weg?  Frisch geboren: Mari (Tokio, Japan) © 2010 Kinowelt Filmverleih |
Um die Musik haben wir uns sehr spät gekümmert, praktisch erst nach dem Schnitt. Alain und ich
suchten nach einem Komponisten, dessen Musik die Bilder nicht überwältigen würde. Wir wollten
keinen Soundtrack, der den Film dramatisch aufputscht oder niedlich wirken lässt. Als wir Bruno trafen,
der schon für viele Dokumentationen die Musik geschrieben hat, lagen wir sofort auf einer Wellenlänge.
Unsere Zusammenarbeit war großartig. Für mich ist es der erste Dokumentarfilm mit Musik. Ganz ohne
hätte BABYS womöglich zu karg und herzlos gewirkt. Schließlich enthält der Film weder einen Off-
Kommentar noch wirkliche Dialoge. Aber allzu viel Musik ist nicht zu hören. Ich denke, wir haben einen
guten Kompromiss gefunden. Was ich auf keinen Fall wollte, waren Sequenzen, die auf die Musik hin
geschnitten wurden.
Reagierten Eltern und Kinder je nach Land unterschiedlich, als Sie ihnen den fertigen Film zeigten?
Für die Himba-Familie aus Namibia war es der erste Film, den sie je gesehen hatten. Aus irgendeinem
Grund beneideten sie die Japaner. Natürlich wünscht sich jeder das, was er nicht hat. Aber es war nicht
meine Absicht, eine Lebensweise auf Kosten einer anderen zu idealisieren. Ein Dokumentarfilm soll zum
Nachdenken anregen und keine Lektionen erteilen. Ich denke, dass BABYS in jedem Land
unterschiedlich wahrgenommen wird – entsprechend der sozialen Position und des Besitzstandes. Für
mich kam die netteste Reaktion von Bayar, dem kleinen Mongolen: „Das ist ein schöner Film. Er handelt
vom Himmel, vom Wind und davon, wie mein Bruder mich immer gehauen hat.“ Besser kann man den
Film nicht zusammenfassen.
Werden sich die vier Familien eines Tages kennenlernen?
Eine hübsche Idee, aber entschieden ist noch nichts. Für eine solche Zusammenkunft würde sich eine
der Filmpremieren anbieten. Doch für die Himba-Familie aus Namibia könnte es problematisch werden.
Sie sind noch nie geflogen, nie aus ihrem Dorf herausgekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie
sie dieses Ereignis verkraften würden. Da muss man sehr aufpassen und behutsam vorgehen. Ideal wäre
es, wenn die anderen drei Familien nach Namibia reisen könnten...
Der Film soll und will kein Lehrfilm sein. Welches Publikum möchten Sie ansprechen?
Potentiell jeden Zuschauer von sieben Monaten bis 77. Für mich handelt der Film ja nicht nur von
Babys. In meinen Augen ist es ein Film darüber, was es heißt, in der heutigen Zeit auf die Welt zu
kommen. Außerdem bin ich der Meinung, dass BABYS eine Komödie ist. Bei einer Preview mit 400
Zuschauern in San Francisco wurde von der ersten bis zur letzten Minute gelacht. Was ich mir wünsche,
ist, dass die Menschen ihre angeborene Scheu vor Dokumentarfilmen überwinden. Und erkennen, dass
der Baby-Aspekt im Grunde zweitrangig ist. Wer Babys mag, wird sich den Film natürlich eher
anschauen. Aber ich hoffe, dass auch die, die kein spezielles Interesse an Babys haben, sich nicht von
einem Besuch werden abschrecken lassen.
Ab dem 19.08.2010 im Kino!
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